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SlutWalk: LesMigraS unterstützt die Forderungen von Hydra-Aktivist_innen

 

Liebe SlutWalk Organisator_innen,

Wir wollen den SlutWalk Berlin unterstützen.
Wir wollen bei einer radikalen und feministischen Demo mitmachen, die wir als Teil von jahrzehntelangem feministischem Kampf für Selbstbestimmung und gegen sexualisierte Gewalt und die Verschleierung davon ansehen.

Wir erwarten jedoch auch, dass die Stimmen derer gehört werden und auftauchen, die eine komplexere Beziehung zum Wort "Schlampe" haben. Wir wünschen uns, dass die Stimmen jener gehört werden, die auf intime Weise verstehen, was es bedeutet, tagtäglich "Schlampe" genannt zu werden.
Wir wünschen uns, dass jene gehört werden, einen Raum zum Sprechen und mitorganisieren bekommen, die unseren Kampf seit Jahrzehnten kämpfen.
Und jene, die sich nicht "Schlampe" nennen können und wollen, weil der Begriff aus eigener Erfahrung Schmerz und Beschämung durch die Abwertung der Gesellschaft hervorruft.

Wenn Ihr es wirklich ernst meint, dann ist es wichtig, dass Ihr dafür sorgt, dass Leute, die aus eigener Erfahrung über diese Unterdrückungsmechanismen und Gewalt sprechen können, bedeutungsvolle Positionen beim SlutWalk einnehmen können. Dass mehrfachzugehörige und vom Stigma „Schlampe“ betroffene Personen, in die Organisation vom SlutWalk von Anfang an beteiligt werden und nicht kurzfristig angesprochen werden, ob sie auch dabei seien. Dass diese ebenso von Anfang an über den Ablauf der Demo Entscheidungen treffen können, Redebeiträge halten, Einfluss darauf nehmen können, was in Presseerklärungen und Interviews über uns gesagt wird.

Als „Schlampen“ beschämt zu werden und sich für oder gegen Aneignung des Wortes zu entscheiden ist eng mit Sexismus, Trans*-, Homo- und Queerphobie, Rassismus, Klassismus, Ableism, Ageism und Sexarbeiterinnen-Hass verknüpft.
Es ist auch wichtig den oldschool-feministischen Opferblick auf Huren zu kritisieren.

Während wir die Ideen hinter SlutWalk verstehen und unterstützen, sehen wir die derzeitige SlutWalk-Organisation und Repräsentation als eine an, die vor allem weiße, Mittelklasse, deutsche Personen reflektiert und ihnen nahe zu sein scheint. In der Gesellschaft ausgegrenztere soziale Herkunftsgruppen, sind bisher in der Mitorganisation und Miteinbeziehung nicht einbezogen gewesen. SlutWalk versucht zwar, "alle" einzuschließen, wird aber so wie es im Moment ist, eher weißen Mittelklasse deutschen Leuten zugänglich sein. Wir, also Leute, die wegen gender, race, Klassenhintergrund, Aufenthaltsstatus, als Sexarbeiter_innen von jeweils sehr spezifischen gesellschaftlichen Machtstrukturen ausgeschlossen sind, gehen vorsichtig mit einer Demo um, von der wir fürchten, dass unsre aktive Teilnahme nur oberflächlich erwünscht ist, nicht persönlich gesucht wird, während wir angeblich repräsentiert sind, ob das nun bewusst geschieht oder nicht.
Unterschiede, z.B. Klassenunterschiede, halten uns davon ab, als Gleichberechtigte teilzunehmen. Wir gehen auch davon aus, dass es kein homogenes „Wir“ gibt.

Wir sind nicht sicher, ob die bisherige Zusammensetzung von SlutWalk Organisator_innen unser "anders sein" in einer Weise sieht, die uns gerecht wird.

Deshalb wünschen und fordern wir:

-dass Trans* Menschen, Queers, people of color, Leute aus der Arbeiterklasse, Sexarbeiter_innen zusammen mit Euch entscheiden, wer welche Redebeiträge hält, sowohl während als auch nach der Demo. Wir bieten Euch unsere Weisheiten und Einsichten, unsere Wut, unser Mitgefühl und unsere Solidarität an.
Wir erwarten und wünschen uns von Euch dabei aber auch Respekt und Raum. Ein paar von uns sind bereit, daran mit euch zu arbeiten. Wir haben gute Ideen, wer reden kann und will.

-dass Ihr unsre Forderungen, bei denen es um unsere Belange geht hört und diese in die Presseerklärungen und in Interviews aufnehmt.

-dass es nach der Demo kein offenes Mikrofon gibt. Wir finden es unverantwortlich, beim Thema sexualisierte Gewalt bei so einer öffentlichen Veranstaltung Leute reden zu lassen, deren Positionen nicht klar sind.

Und wir bieten Euch an:


- an einem Workshop teilzunehmen, bei dem es z.B. um kritisches Weißsein, Sexarbeitvorurteile, Klassismus und tokenism (eine marginalisierte Person dazu nehmen, damit die Normalität durch das anders sein dieser Person bestätigt wird/ um political correctness zu demonstrieren) gehen kann.

Wir verstehen, dass Ihr unter Zeitdruck steht. Wir bieten Euch unsere Unterstützung an!

Danke für die ganze Arbeit, die Ihr schon getan habt!

Quelle: http://www.lesmigras.de