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LesMigraS - Selbstverständnis

Selbstverständnis als pdf.

 

LesMigraS ist der Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V..

Kurze Geschichte:
LesMigraS stand ursprünglich (1998-2007) als Abkürzung für lesbische und bisexuelle Migrant_innen, Schwarze Lesben und Trans*. In diesem Zeitraum hat LesMigraS sich hauptsächlich gegen Mehrfachdiskriminierung bzw. für Selbstermächtigung und Vernetzung lesbischer und bisexueller Migrant_innen und von Schwarzen lesbischen und bisexuellen Frauen engagiert. Für die Bekämpfung von Gewalt und Diskriminierung von lesbischen und bisexuellen Frauen allgemein war während dieser Zeit ein anderer Arbeitsbereich der Lesbenberatung, AGA – Antigewaltarbeitsbereich, zuständig. Seit 2008 hat LesMigraS diese Aufgabe übernommen und ist damit zum Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeitsbereich der Lesbenberatung Berlin e.V. geworden.

Das Team:
Wir sind ein interkulturelles Team und möchten vielfältige Bedürfnisse und Interessen unserer Nutzer_innen und Mitstreiter_innen aus unterschiedlichen Blickwinkeln begegnen.

Ziele
Lesbische und bisexuelle Frauen, Trans* und Inter* (kurz gesagt LBTI) erleben Gewalt in der Familie, in Beziehungen, auf der Straße, in der Schule, von der Polizei, in Krankenhäusern, auf Ämtern und an anderen Orten. Diese Erfahrungen verletzen unsere Würde, Seele und Körper und schränken unser Leben ein.

Unsere Ziele sind:

  • gegen alle Formen von Gewalt und Diskriminierung von lesbischen und bisexuellen Frauen, Trans* und Inter* (LBTI) einzutreten. Es gibt psychische, ökonomische, körperliche, individuelle, strukturelle oder institutionelle Diskriminierungs- und Gewaltformen.
  • sich für eine Gesellschaft einzusetzen, in der alle Aspekte des Lebens und der Persönlichkeit von lesbischen und bisexuellen Frauen, Trans* und Inter*  wahrgenommen, akzeptiert und geschätzt werden.
  • lesbische und bisexuelle Frauen, Trans* und Inter* zu unterstützen, ihren Alltag gewaltfrei, diskriminierungsarm und selbstbestimmt zu entwickeln und zu leben (Selbst-Ermächtigung, Selbst-Empowerment).


Zielgruppe
Das Angebot von LesMigraS richtet sich primär an alle Lesben, bisexuellen Frauen, Trans* und Inter*. Darüber hinaus haben wir in unserem Angebot und unseren Auseinandersetzungen einen besonderen Fokus auf die Ressourcen, Bedürfnisse und Mehrfachdiskriminierungen von lesbischen und bisexuellen Frauen, Trans* und Inter* (LBTI) of Color, LBTI mit Migrationshintergrund und Schwarzen LBTI.
Im Rahmen von Tapesh bieten wir auch Angebote für Schwule an. Tapesh ist das Selbst-Ermächtigungs-Projekt (Empowerment-Projekt) von LesMigraS.

Die anderen Zielgruppen von LesMigraS bestehen aus: lesbischen, schwulen, bisexuellen, Inter*- und Trans*-Communities, Migrant_innen- und interkulturellen Zusammenhängen und der Gesamtgesellschaft, d.h. Medien, Multiplikator_innen, Verwaltung und Politik.


Fokus Empowerment
Wir verstehen Empowerment als bestärkende Unterstützung zur Selbst-Ermächtigung. Wir wollen mit unserer Empowerment-Arbeit, lesbische, schwule und bisexuelle Frauen, Männer, Trans* und Inter* (in Gewalt- oder Diskriminierungssituationen) darin bestärken, sich für ihre Themen einzusetzen. Wir unterstützen sie dabei, ihre individuellen und kollektiven Fähigkeiten zu nutzen, um ihren Alltag gewaltfrei, diskriminierungsarm und selbstbestimmt leben zu können. Uns geht es um eine ganzheitliche und nachhaltige Form von Selbst-Ermächtigung, in der lesbische, schwule und bisexuelle Frauen, Männer, Trans* und Inter* ihre eigenen Stärken und Ressourcen erfahren.
Die Selbst-Ermächtigung-Arbeit beinhaltet für uns vier wichtige Aspekte, die wir als fortlaufende Spirale begreifen:

  1. Sensibilisierung für die erfahrene Gewalt und Diskriminierung in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen
  2. Entwicklung von neuen Perspektiven, Handlungsmöglichkeiten und Strategien, um gegen erlebte Gewalt und Diskriminierung vorzugehen und um Diskriminierung und Gewalt auf allen Ebenen zu bekämpfen
  3. Umsetzung dieser Strategien in aktive Handlungen und Interventionen
  4. Reflektion der ersten drei Schritte als ein fortlaufender Prozess, der nach dem Handeln nicht abgeschlossen ist, sondern eine immerwährende Bewusstwerdung, Planung und Umsetzung erfordert.

Wir wollen lesbische, schwule und bisexuelle Frauen, Männer, Trans* und Inter* (LSBTI) in ihrer Selbst-Ermächtigung unterstützen. Deswegen organisieren wir Selbst-Ermächtigungs-Veranstaltungen, Workshops, Lesungen und Filmnächte und veröffentlichen Empowerment-Material. Außerdem bieten wir Beratung zu unterschiedlichen Themen an, vor allem zu Gewalt und Diskriminierung. Wir wollen lesbischen und bisexuellen Frauen, Trans* und Inter* ermöglichen, verantwortungsvolle und respektvolle Communities aufzubauen, in denen sich alle sicher und wertgeschätzt fühlen.


Fokus Mehrfach-Diskriminierung
Eine lesbische oder bisexuelle Frau bzw. eine Trans*Person oder Inter*Person lebt nicht nur lesbisch, bi, Trans* und/oder Inter*, sondern hat immer auch eine kulturelle und soziale Herkunft, eine Hautfarbe, einen Körper mit bestimmten Befähigungen oder Beeinträchtigungen , ein Alter, einen soziales Status, eine oder mehrere Genderidentität(en). Deswegen geht es in unserer Antigewalt- und Selbstermächtigungs-Arbeit nicht nur um die sexuellen und geschlechtlichen Lebensweisen, sondern auch um Zugehörigkeiten zu verschiedenen gesellschaftlichen, sozialen, religiösen und kulturellen Gruppen und die daraus resultierenden Ressourcen und Diskriminierungserfahrungen. Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit von lesbischen, bisexuellen Frauen, Trans* und Inter* sich mehreren Gruppen zugehörig fühlt und dementsprechend Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt ist. Von daher ist ein wichtiges Ziel von LesMigraS:

  • Verschiedene Gründe von Diskriminierung(en) und Gewalt (kulturelle und soziale Herkunft, Hautfarbe, Alter, Beeinträchtigungen) verschränkt und nicht isoliert voneinander zu denken und sich somit gegen Mehrfachdiskriminierung einzusetzen.


Fokus Rassismus, Homophobie, Trans*-Diskriminierung
LesMigraS konzentriert sich hierbei insbesondere auf Rassismus, Homophobie und Trans*-Diskriminierung und deren Zusammenwirken. So haben wir trotz Bekämpfung von allen Gründen von Diskriminierungen von lesbischen und bisexuellen Frauen, Trans* und Inter* einen gewichteten Ansatz. Die Gewichtung unserer Arbeit auf die Bekämpfung von Trans*-Diskriminierung ergibt sich aus der fortwährenden Trans*-Diskriminierung und den anhaltenden Trans*-Ausschlüssen in lesbischen und schwulen Zusammenhängen. Die Gewichtung auf Antirassismus in unserer Arbeit ergibt sich aus dem hartnäckig existierenden offensiven Rassismus und der Kulturdominanz in lesbischen, schwulen und Trans*-Szenen, mit denen wir seit 1999 ununterbrochen konfrontiert sind.
Hierbei spielt ebenso eine wichtige Rolle, dass sich LesMigraS in der Entstehungsgeschichte die Bekämpfung von Mehrfachdiskriminierungen lesbischer Migrant_innen, Lesben of Color und Schwarzer Lesben zum Ziel gesetzt hat. Das Team von LesMigraS besteht seit 1999 mehrheitlich aus lesbischen und bisexuellen Frauen mit Migrationshintergrund, aus lesbischen und bisexuellen Frauen of Color und aus Schwarzen lesbischen und bisexuellen Frauen. Daraus resultierten unsere inhaltlichen und personellen Ressourcen und Kompetenzen in unserer heutigen Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeit. Indem Mehrfachzugehörige mit einem mehrdimensionalen Blickwinkel Gewalt und Diskriminierung analysieren und sich dagegen positionieren, wird ein entscheidender Perspektivwechsel vollzogen. LesMigraS ist davon überzeugt, dass es einen qualitativen Unterschied macht, aus einer mehrdimensionalen Perspektive über Homophobie zu sprechen.
In den anderen Bereichen unserer Selbstermächtigungs- und Antidiskriminierungsarbeit zu Kategorien wie Religion, sozialem Status, Beeinträchtigung oder Alter arbeiten wir und die Lesbenberatung eng mit Selbsthilfeorganisationen zusammen.

Unsere Aktivitäten und Angebote zu Rassismus, Homophobie, Trans*-Diskriminierung:

Wir wollen lesbische, schwule, bisexuelle, Trans*- und Inter*-Communities für den eigenen Rassismus und die eigene Trans*feindlichkeit sensibilisieren. Wir thematisieren Ausschlüsse und unterstützen die Entwicklung von passenden Wegen und Strategien im Umgang damit. Wir entwickeln community-basierte Handlungsstrategien gegen Gewalt und Diskriminierung, um Personen in einem sozialen Umfeld zu ermöglichen, sich verantwortlich gegenüber allen Mitgliedern ihrer Community zu verhalten. Wir wünschen uns sensible und engagierte Communities, die Diskriminierung und Gewalt verhindern und gegen diese eingreifen. Wir denken, dass das nur möglich ist, wenn sich lesbische, schwule, bisexuelle, Trans*- und Inter*-Communities mit Gewalt und Mehrfachdiskriminierung auseinandersetzen und Mehrfachzugehörigkeit mehr in den Fokus ihrer Arbeit stellen.

Beispiele für unsere Arbeit sind:

  • Wenn es zu rassistischen Ereignissen in lesbischen, schwulen, bisexuellen, Trans*- und Inter*-Communities kommt, dann bieten wir denen Unterstützung an, die diese Gewalt erlebt haben. Wir kontaktieren diejenigen, die Gewalt ausgeübt haben oder sich rassistisch verhalten haben. Wir veröffentlichen Pressemitteilungen und sensibilisieren für das Thema auf einer allgemeinen Ebene.
  • Wir bieten Workshops in lesbischen, schwulen, bisexuellen, Trans*- und Inter*-Communities zu den Themen Mehrfachdiskriminierung, Rassismus, community-basierten Strategien gegen Gewalt und Diskriminierung und zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) an.
  • Wir nehmen an lesbischen, schwulen, bisexuellen, Trans*- und Inter*-Netzwerken teil und thematisieren dort Mehrfachdiskriminierung und Rassismus in den eigenen Kreisen.
  • Wir entwickeln Strategien in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.
  • Außerdem haben wir eine fortlaufende Diskussion und kontinuierliche Fortbildungen über diese Themen in unserer eigenen Einrichtung.


Fokus Gewalt

Gewalt ist für uns der Einsatz aller physischen oder psychischen, individuellen oder strukturellen Mittel, die Menschen Schaden zufügen bzw. der Versuch, Menschen einem fremden Willen zu unterwerfen und sie zu beherrschen.
Bei der Bekämpfung von Gewalt vermeiden wir eine Hierarchisierung und damit Verharmlosung von unterschiedlichen Formen und Gründen von Gewalt und Diskriminierung. Auch wenn verschiedene Formen von Gewalt unterschiedliche Auswirkungen auf davon betroffene Menschen haben, geht es uns darum, alle Formen sichtbar und damit wahrnehmbar zu machen.
Wir verstehen zwischenmenschliche, institutionelle und strukturelle Gewalt als miteinander verzahnt. Wir glauben, dass eine Ebene von Gewalt nicht ohne die anderen analysiert oder betrachtet werden kann.

Beispiele:

  • Die Beschimpfung von Lesben und Schwulen auf dem Schulhof ist nicht zu bekämpfen, ohne gleichgeschlechtliche Lebensweisen zu einem normalen Bestandteil des Unterrichtmaterials zu machen und das Thema in das Ausbildungsmaterial des Schulpersonals aufzunehmen.
  • In den meisten uns bekannten Fällen von Gewalt in lesbischen, Inter*- und Trans*-Beziehungen wird die männlicher aussehende Person festgenommen, wenn die Polizei gerufen wird. Hier spielt also nicht nur zwischenmenschliche Gewalt, sondern auch institutionelle Gewalt, d.h. die Gewalt von Seiten staatlicher und nicht-staatlicher Einrichtungen, eine Rolle.
  • Wenn eine Trans*Person körperliche Gewalt auf der Straße erlebt, dann ist es wahrscheinlich, dass er_sie auch Trans*-Diskriminierung erlebt, wenn er_sie polizeiliche Hilfe in Anspruch nimmt oder zu Ärzt_innen geht, um medizinisch versorgt zu werden (z.B. weil das Geschlecht auf dem Ausweis nicht zur geschlechtlichen Erscheinung passt).
  • Rassistische Konstruktionen des homophoben männlichen Migranten in Medien, Forschung und Politik begünstigen immer wieder, dass es auch  in lesbischen, schwulen, bisexuellen, Trans*- und Inter*-Communities zu rassistischen Ausschlüssen kommt.


Deswegen denken wir, dass es wichtig ist, Gewaltsituationen in ihrem sozialen Zusammenhang zu verstehen. Ebenso wichtig ist es, Gewalterfahrungen in ihrer Vielschichtigkeit zu behandeln. Diese Herangehensweise ermöglicht es uns auch, Handlungsstrategien zu entwickeln, die zu den tatsächlich vorhandenen Ressourcen und Grenzen passen.

Unsere Aktivitäten und Angebote zu Gewalt:
Menschen, die Gewalt erleben, fragen meistens eher ihr eigenes Umfeld um Unterstützung als professionelle Beratungsstellen aufzusuchen. Unserer Erfahrung nach gilt das auch für die meisten lesbischen und bisexuellen Frauen, Trans* und Inter*. Sie entscheiden sich eher für Unterstützung durch ihr eigenes Umfeld oder finden andere Umgangsstrategien anstatt sofort ein Beratungsangebot in Anspruch zu nehmen. 

Beispiele unserer Arbeitspraxis:
•    Wir versuchen deswegen, Handlungsmöglichkeiten im sozialen Umfeld aufzuzeigen und nennen diese community-basierte Handlungsstrategien. Uns geht es dabei auch darum, Alternativen anzubieten, die außerhalb rechtlicher Schritte liegen. Die Justiz setzt ihren Fokus darauf, Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, nach einem gesetzlich geregelten Schema zu bestrafen und orientiert sich oftmals nicht an den Bedürfnissen der Menschen, die Gewalt erfahren haben.
•    Wir sensibilisieren für Mehrfachdiskriminierung und engagieren uns gegen die rassistische Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund und Schwarzen Menschen durch Konzepte wie Hassgewalt und die Kulturalisierung von Homophobie.
•    Wir bieten mehrsprachige Beratung und Unterstützung an.
•    Wir begleiten zu Ärzt_innen und Behörden, zu Polizei- und Gerichtsterminen und vermitteln an andere Instanzen.
•    Wir suchen interkulturelle Zusammenhänge sowie lesbische, schwule, Trans*- und Inter*-Communities auf und sensibilisieren dort zu Gewalt und Diskriminierung.
•    Wir organisieren jährliche Antidiskriminierungs- und Antigewalt-Veranstaltungen z.T. in Kooperation mit anderen Organisationen und nehmen aktiv an Veranstaltungen von anderen Einrichtungen teil.
•    Wir veröffentlichen Bücher, Broschüren, Flyer, Postkarten, Plakate und Pressemitteilungen in verschiedenen Sprachen, um (Mehrfach-) Diskriminierungen und Gewalterfahrungen zu thematisieren und Rassismus, Sexismus, Homophobie und Trans*-Diskriminierung zu bekämpfen.
•    Wir haben von 2010 bis 2012 eine Studie zu Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen und bisexuellen Frauen und Trans* durchgeführt.



Zusammenfassung
Langfristige Ziele
Unsere Hauptziele sind:

  1. Eine gesamtgesellschaftliche Kultur der Selbststimmung und Akzeptanz zu entwickeln und damit LSBTI ein diskriminierungsarmes und gewaltarmes Leben zu ermöglichen.
  2. Lesbischen, schwulen und bisexuellen Frauen, Männern, Trans* und Inter* zu ermöglichen, Strategien und Strukturen zu entwickeln, um sich und ihr Umfeld im Umgang mit Gewalt und Diskriminierung selbst zu ermächtigen.
  3. Den von Rassismus betroffenen lesbischen, schwulen und bisexuellen Frauen, Männern, Trans* und Inter* (LSBTI), gewaltfreie und diskriminierungsarme LSBTI-Communities zu ermöglichen, in denen sie sich zuhause fühlen können.




LesMigraS. Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.
Stand 29.04.2015

Quelle: http://www.lesmigras.de