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Leitfaden für eine diskriminierungssensible Veranstaltungsorganisation

Inhalt:

1) Was soll dieser Leitfaden leisten?

2) Welche Botschaft soll durch die Veranstaltung nach außen vermittelt werden?

3) Wie können versteckte und offene Diskriminierungen abgebaut werden?

4) Handlungsstrategien entwickeln und Handlungsräume eröffnen

5) Qualitätssicherungssystem: Interkulturelle Kompetenz/ Expertise

6) Barrierefreiheit

7) Keine Angst vor Fehlern

 

 

1) Was soll dieser Leitfaden leisten?


In künstlerischen und politischen Landschaften werden immer wieder Veranstaltungen und Ausstellungen zu verschiedenen Themen und Lebensrealitäten organisiert, die für viel Auseinandersetzung und Kritik sorgen. Das ist beispielweise dann der Fall, wenn Menschen, die in den Ausstellungen thematisiert werden, sich und ihre Lebensrealitäten nicht tatsächlich wiederfinden oder gar Diskriminierungen und Stigmatisierungen durch Bilder und Texte erleben. Alle Besucher_innen und Teilnehmer_innen von Ausstellungen und Veranstaltungen sollen sich aber willkommen und angesprochen fühlen und keine (erneute) Diskriminierungen und Ausschlüsse erleben!

Die soziale Exklusion der Einen ist nicht nur das individuelle Problem derjenigen, die ausgeschlossen werden. Es ist genaugenommen unser aller Problem, das wir nur gemeinsam, das heißt gesamtgesellschaftlich, aus dem Weg räumen können. In diesem Kontext ist die Idee entstanden, einen Leitfaden zu formulieren, der sich mit Aspekten zur Sensibilisierung jedweder Form von Barrieren und Diskriminierungen bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen befasst. Mit Hilfe dieser Leitlinien möchte LesMigraS/ Lesbenberatung e.V. zu mehr Sensibilität, Respekt und Verantwortung gegenüber durch unsere Gesellschaft benachteiligte Menschen aufrufen und beitragen.
Durch die Vorgabe von Leitlinien soll ein  Verständnis für die Zusammenhänge von Kultur, künstlerischer Freiheit, Diskriminierung und Gewalt geschaffen werden, die zum Wohl der Besucher_innen von allen Beteiligten anerkannt und in die Praxis umgesetzt werden sollen. Ziel ist es, Kurator_innen, Workshopleitende, etc. ein Werkzeug in die Hände zu geben, um  Diskriminierungen in Gestalt von stereotypen Bildern erkennen, Ansichten kritisch hinterfragen und eigene Vorurteile einer Prüfung unterziehen zu lernen.

Dieser Leitfaden fasst bisher gesammelte Erfahrungen zusammen und beschreibt Standards, die bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen zu berücksichtigen sind. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, nicht nach Veranstaltungsart zu unterscheiden. So werden Sie vermutlich bestimmte Punkte finden, die für Ihre konkrete Veranstaltung nicht relevant sind.  Wir möchten Impulse geben, wie Inhalte frei von Benachteiligungen aufbereitet werden können. Dieses Grundlagewissen können Sie nach Belieben durch eigene Ideen und Entwürfe ergänzen.


2) Welche Botschaft soll durch die Veranstaltung nach außen vermittelt werden?

 

  • Welche Zielgruppe soll von der Veranstaltung angesprochen werden?
  • Was wird dafür getan, dass sich die Besucher_innen bzw. Teilnehmer_innen wohl fühlen?
  • Sind Menschen grundsätzlich als reale Menschen dargestellt, ohne dass diese auf bestimmte Aspekte reduziert werden? Werden verschiedene soziale Gruppen in ihrer Diversität dargestellt? D.h. gibt es verschiedene Darstellungen, die nicht nur einen oder einzelne Aspekte hervorheben?
  • Wird auf klischeehafte Darstellung und Beschreibung von Menschen und Orten verzichtet?


Ziel von Veranstaltungen und Ausstellungen ist in der Regel, so viele Menschen wie möglich anzusprechen. Auch wenn Veranstaltungen und Ausstellungen sich mit einem konkreten Thema beschäftigen, herrscht unter den Menschen, die dieses Thema betrifft und/oder interessiert, große Vielfalt. Dennoch wird häufig nur ein bestimmter Teil dieser Vielfalt, vor allem aber die Privilegierten, angesprochen. Z.B. wird eine Ausstellung zum Thema Lesben und Alter organisiert, dabei werden aber vor allem weiße Cis-Lesben, ohne eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung dargestellt. Hierbei wird allgemein von Lesben gesprochen, es werden aber die Lebensrealität von lesbischen Trans*, Inter*, Lesben of Color bzw. Lesben mit Migrationsgeschichte und Lesben mit einer Beeinträchtigung unsichtbar gemacht.

Bereits bei der Themenwahl sollte die Verschiedenheit von Erfahrungen, Interessen und Bedürfnissen berücksichtigt und in der Ausstellung selbst auch dargestellt werden. Die Interessen unterschiedlicher Besucher_innengruppen einer Veranstaltung oder Ausstellung, insbesondere die Interessen benachteiligter und potenziell von Diskriminierung betroffener Gruppen innerhalb der Zielgruppe, sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen und ernst genommen werden. Es sollte immer reflektiert werden, welche Stimmungen durch Texte und Bilder ausgelöst werden und ob diese sich in Einklang mit den Leitwerten bringen lassen. Auch Ästhetisierung in Bild und Text sowie Exotismus (z. B. „edle Wilde“) sollten reflektiert und unterlassen werden. Für eine differenzierte Bildsprache ist es wichtig, Menschen unabhängig von bestimmten Merkmalen als selbstverständlichen Teil dieser Gesellschaft und daher als selbstbewusste, eigenständige und reale Personen zu zeigen. 
Um Veranstaltungen für alle Menschen zu öffnen, bedarf es nicht nur eines solidarischen zwischenmenschlichen Umgangs, sondern auch Strukturen eines Zusammenlebens, in denen sich Menschen gegenseitig als Menschen mit ihrer gesamten Vielfalt anerkennen.



3) Wie können versteckte und offene Diskriminierungen abgebaut werden?


Stigmatisierung, Abgrenzung und Stereotypisierungen aufgrund bestimmter Merkmale sind kein neues Phänomen unserer Gesellschaft. Tagtäglich begegnen wir versteckten oder offenen Diskriminierungen, stolpern über Barrieren und Rollenbilder. Dass  sich nicht hinter jeder herabsetzenden Äußerung oder Darstellung eine böse Absicht verbirgt, ist erst mal nicht ausschlaggebend. Zuschreibungen und Fremddefinitionen sind dennoch anmaßend und respektlos.

Zwischen unserer Sprache, auch bildliche Sprache, und unserer Realität besteht eine komplexe wechselseitige Beziehung: Unsere Alltagssprache bestätigt und formt unser Weltbild und gleichzeitig manifestiert sich unser Weltbild in unser Sprache.  Durch den Gebrauch von Sprache und Bilder heben wir bestimmte, äußerlich sichtbare Merkmale hervor, betonen Unterschiede und grenzen uns mit ihr von Anderen ab. Es bedarf also eines sensiblen Gebrauchs von Alltagssprache. Entscheidend ist, dass sich durch einen aufgeschlossenen, reflektierten Umgang mit der eigenen Sprachrealität Diskriminierungen erkennen und offen legen lassen.

Politisch korrekt bedeutet aber nicht, dass Vokabeln, die andere Menschen diffamieren, verletzen und beleidigen nur aus dem Sprachalltag ausradiert werden. Diskriminierung verschwindet auch nicht dadurch, dass mit wertneutralen Begriffen versucht wird, dieselben diskriminierenden Gedanken zu äußern (z.B. „Dialekt“ statt „Sprache“). Prinzipiell gilt, dass wir unsere Sprachverwendung überprüfen und dort, wo wir mit Sprache und Bilder Menschen ausschließen, verletzen und stigmatisieren alternative Formen wählen.



4) Handlungsstrategien entwickeln und Handlungsräume eröffnen


Konflikte lassen sich nicht vermeiden. Durch effektive und lösungsorientierte  Handlungsstrategien lassen sich Spannungen und Unzufriedenheit jedoch rechtzeitig erkennen und ins Positive umwandeln. Konkret bedeutet das, dass Ziele und Handlungsschritte im Team abgesprochen und weiterentwickelt werden. Konfliktuelle Sichtweisen sollen dabei zum Ausgangspunkt eines Prozesses gemacht werden, in dem alle Beteiligten zwar ihre Sichtweisen vertreten können, aber dadurch niemanden verletzen dürfen. Dabei ist die Frage entscheidend, ob bei unterschiedlichen Sichtweisen es Perspektiven gibt, die auf Diskriminierungen oder auf Ausschlüsse hinweisen. Dann sollte diese Kritik ernst genommen werden. Es kann dabei hilfreich sein, Expert_innen für das Thema oder Betroffenenverbände in die Erarbeitung von Handlungsschritten und Lösungen mit einzubeziehen.

Grundsätzlich gilt: Ein reflektierter Umgang mit Kritik ist unentbehrlich. Dazu gehört es, auf Kritik einzugehen und deutlich zu machen, dass Kritik Änderung bewirkt.


5) Qualitätssicherungssystem: Interkulturelle Kompetenz/ Expertise

 

  • Arbeiten auch Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören, an der Veranstaltung mit?
  • Wird deren Meinung bzw. Kritik in Bezug auf  eine benachteiligende Behandlung ernst genommen?
  • Lassen Sie Einladungen, Exponate etc. von Fachleuten prüfen!


Niemand ist z.B. Afrika-Expert_in“, nur weil er/sie schon mal in Senegal Urlaub gemacht hat oder Schwarze Freund_innen hat. Fragen Sie lieber diejenigen um Rat, die eigene Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben. In der Regel können diese Ihnen am besten sagen, welche Änderungen vorgenommen werden können, damit sich niemand ausgeschlossen oder herabgesetzt fühlt. In diesem Zusammenhang ist es besonders wichtig, sich mit dem eigenen kulturellen und sozialen Hintergrund auseinanderzusetzen und zu lernen, die eigenen Rollenbildern zu hinterfragen. Nur dann ist es möglich, kulturelle und soziale Unterschiede als Bereicherung der eigenen Identität und Umwelt anerkennen zu können und eigene Grenzen zu überwinden, durch die andere Menschen ein- und ausgeschlossen werden.



6) Barrierefreiheit

 

  • Sind Rollstuhlrampen oder Fahrstühle vorhanden, um einen stufenlosen Zugang zum Veranstaltungsort zu  gewährleisten?
  • Ist ein_e Gebärdendolmetscher_in notwendig?
  • Gibt es Hinweise zur barrierefreien Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, um zum Veranstaltungsort zu gelangen?
  • Sind Flyer, Einladungen, Webseiten so gestaltet, dass auch Menschen mit Sehschwäche sie lesen können? Sind sie in einer Sprache verfasst, die leicht verständlich ist?


Beschreiben Sie, welche konkreten Unterstützungen Sie bieten, damit die Veranstaltung barrierearm gestaltet ist. Für eventuelle Nachfragen zu Barrierefreiheit und speziellen Bedürfnissen sollte eine e E-Mail-Anschrift und Telefonnummer hinterlegt werden.


7) Keine Angst vor Fehlern


Es kann natürlich passieren, dass etwas nicht so gelingt wie geplant oder etwas Wichtiges vergessen wird. In einem solchen Fall lohnt es sich, die gemachten Fehler als Lernmöglichkeit zu betrachten und Lösungsstrategien dahingehend zu entwickeln, was in Zukunft besser bzw. anders gemacht werden kann.

 

Informationen zu diskriminierungssensibler Zusammenarbeit finden sich hier.

Quelle: http://www.lesmigras.de