Schriftgröße

 

Fokus Antirassismus und Mehrfachdiskriminierung

 

Enttabuisierung von Diskriminierung rassistisch markierter Menschen

Die Studienergebnisse zeigen, dass es weniger tabuisiert ist, rassistisch markierte Menschen zu diskriminieren. Dabei bedeutet Mehrfachdiskriminierung ein Mehr an Diskriminierungsbelastung, die von den Teilnehmenden als tagtägliche drohende Gewalt erlebt wird. Wie gleich zu sehen sein wird, steigt außerdem vergleichsweise das Maß an Homo- und Transphobie gegenüber lesbischen, bisexuellen und Trans* of Color Personen bzw. Menschen mit Migrationsgeschichte.

Erleben von Mehrfachdiskriminierung

Mehr als ein Drittel der Teilnehmenden mit Rassismuserfahrungen (34,8%) äußern, dass ihre „erfahrenen Diskriminierungen aufgrund der lesbischen, bisexuellen und Trans* Lebensweise  und  ihre Hautfarbe sowie ethnische und kulturelle Zugehörigkeit untrennbar miteinander verknüpft sind.“ Dies bedeutet, dass sie bei einer Diskriminierungserfahrung  häufig nicht einordnen können, ob diese Diskriminierung aufgrund rassistischer oder aufgrund homophober Einstellungen ausgeübt worden ist und sich mehrdimensional verletzt fühlen.


Pamela: „Werde ich jetzt als Schwarze diskriminiert, werde ich als ältere Person diskriminiert, werde als dicker Mensch diskriminiert, werde ich als was weiß ich... also, das kommt oft nicht so, finde ich, so ganz klar rüber. Klar entwickelt man irgendwie so ein Gefühl dafür, aber... ja, ich meine, die Auswirkungen sind ja irgendwie ähnlich. Das ist ja nicht so, dass es da Abstufungen irgendwie da gibt, wie weh das tut oder nicht“
Pamela beschreibt sich als Schwarze_r Deutsche_r Transgender.


So ist womöglich die Frage, was nun die tatsächliche Ursache einer erfahrenen Diskriminierung war, eine falsch formulierte Fragestellung.

Die Ergebnisse der Studie zeigen dennoch, dass bestimmte Diskriminierungsmerkmale andere überlagern können. Etwa wenn, trotz Unsicherheiten und Ungewissheiten, Vermutungen aufkommen, aus welchem Grund die Diskriminierung und Gewalt am ehesten ausgeübt worden sind. Oder wenn die Gewichtung gefühlter Verletzungen  eher auf bestimmten Lebensrealitäten und Identitäten liegt.

Folgende Aspekte spielen bei der Interpretation dieser Erfahrungen eine wichtige Rolle:
-    Frühe Erfahrungen
-    Häufigkeit der Erfahrungen
-    Allgegenwärtigkeit der Erfahrungen
-    Grenzenloses Erfahren
 
Dadurch dass Rassismus sehr früh, sehr häufig und allgegenwärtig erlebt wird, stellt er hierbei für viele Teilnehmende eine zentrale Kategorie innerhalb der diversen Diskriminierungen dar.


Pamela: „ … Während dem Rassismus, dem kann ich mich nicht entziehen, habe ich so das Gefühl. Und da geht es auch noch mal um ... also für mich noch mal um existenziell ... also so ganz existenzielle Sachen. Dass ich da als Mensch, als gesamter Mensch, so wie bin, nicht gewollt bin.“

 

Rassismus in queeren Szenen

Der Rassismus in lesbischen/schwulen Szenen wird vergleichbar mit dem Rassismus der Gesamtgesellschaft wahrgenommen. Folgende Gründe spielen dabei eine Rolle:
-    Fehlende Partizipation und Repräsentation der rassistisch markierten  LBTIQ in der Szene,
-    Subtile  Ausschlussmechanismen
-    Fortschreibung rassistischer Vorstellungen, darunter Kulturalisierung von Homophobie und Trans*Diskriminierung
   
Rassismus und binäre Genderkonstuktionen, die sie in lesbischen/schwulen Szenen beobachten, sind für viele Studienteilnehmenden Anlass, sich von diesen zu distanzieren. 38,6% der rassistisch markierten Teilnehmenden meiden wegen rassistischer Diskriminierungen Orte, die nicht ausdrücklich antirassistisch sind.

>>> Für diese spezifischen Gruppen beschränken sich die Möglichkeiten des „Ausgehens“ extrem.
>>> Für People of Color besteht auch aufgrund des „Racial Profiling“ eine verschärfte Situation. Fast alle benennen schlechte Erfahrungen mit der Polizei.  Von Schutz wird hierbei nicht ausgegangen. Dies ist ein Hinweis auf ein Demokratiedefizit.

 

Schaffen von diskriminierungssensiblen Räumen

Das Schaffen diskriminierungssensibler Räume in psychosozialen Einrichtungen und in verschiedenen Communities ist von zentraler Bedeutung, um Menschen einen Umgang mit Gewalt und Diskriminierung zu ermöglichen, der keine Gewalt reproduziert.



Vergleich der Gesamtpopulation mit rassistisch markierten Studienteilnehmer_innen


Arbeitsplatz:

•    20,6 % der Gesamt-Studie-Teilnehmenden  haben mindestens einmal erlebt, dass sie ihre_n Partner_in nicht mit zu einer betrieblichen Veranstaltung mitbringen sollten. Bei Teilnehmenden  of Color steigt diese Zahl auf 30,4%, und bei Teilnehmenden mit Migrationsgeschichte auf 29,8%.
•    53,4 % der Gesamt-Studie-Teilnehmenden  sind der Meinung, dass eine lesbische und bisexuelle Lebensweise negative Auswirkungen auf Karrierechancen hat. Bei Teilnehmenden  of Color steigt diese Zahl auf 57,3%,  und bei Teilnehmenden mit Migrationsgeschichte auf 60,9 %
•    59,2% der Gesamt-Studie-Teilnehmenden  stimmen der Aussage zu, dass Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt aufgrund einer lesbischen/ bisexuellen Lebensweise weit verbreitet ist. Bei Teilnehmenden  of Color steigt diese Zahl auf 67,4% und bei Teilnehmenden mit Migrationsgeschichte auf  63,5%

Freizeit- und Dienstleistungsbereich:
•    15% der Gesamt-Studie-Teilnehmenden  sagen, dass ihnen schon im Freizeit- und Dienstleistungsbereich mindestens einmal Leistungen verweigert wurden. 23,6 % der Teilnehmenden of Color geben an, dass ihnen mindestens einmal der Zutritt zu einem Lokal verboten wurde.

Ämter und Behörden
•    14% der Gesamt-Studie-Teilnehmenden  geben an, dass sich Mitarbeiter_innen der Ämter und Behörden mindestens einmal nicht angemessen verhalten haben.  Bei Teilnehmenden  of Color steigt diese Zahl auf 22,5 % und bei Teilnehmenden mit Migrationsgeschichte auf 20,1%


Beispiele aus den Interviews:


Erleben von Rassismus als ständiger Begleiter:


Pamela: „Eigentlich im Moment für mich am schwierigsten ist, wenn ich in weißen Zusammenhängen arbeite und ich das eben mache, immer in so einer Habachtstellung zu sein. Also überhaupt nicht mehr ausblenden zu können. Also ich arbeite ... ich habe eine neue Arbeitsstelle und was mir am Anfang aufgefallen ist, ist, dass mich keiner gefragt hat, wo ich herkomme. Aber es stresst mich, weil ich weiß, dass es kommen wird. Und ich irgendwie immer gewartet habe, und ich immer gedacht habe, und das kann jetzt nicht sein, ne.“


Özgur: „Aber dass dann erst so diese ganze Kette herunter rattert. Also dieser Moment des Outings halt auch die ganzen Stereotype raus brechen lässt. Z.B. dass ich dann gefragt wurde, ob meinem Vater das nichts ausmacht, wie ich rumlaufe oder der nicht total streng ist ... so ein Bild vom patriarchalen Vater ... während mein Vater ... also, es war für mich immer total absurd, weil der war voll der Hippie und Rocker“
Özgur ist Jahrgang 1986 und beschreibt sich als Person of Color deutschtürkisch, lesbisch und queere Femme.


Rassismus als Verlangsamung:


Alexis: „Ich finde, was diese Rassismuserfahrungen ausgemacht haben, ist eine Verlangsamung in meinem Prozess. Was für Optionen habe ich als PoC überhaupt auf mein Gender zu gucken? Es wurde immer wieder auch überlagert von anderen Geschichten.“
Alexis beschreibt sich als Person of Color und als polygendered Trans* Person.

 

Pamela: „Ich  bin  in meinem Leben  sehr  misstrauisch geworden und  halte meine Ressourcen  zurück.  Das  führt  dazu,  dass  meine  Ressourcen  verkümmern.  Homophobe  Sachen,  oute  ich mich oder nicht. Ich will nicht in diese Heterosachen mit einbezogen werden, ich will nicht damit ...“ 


Fehlende Partizipation und Quoten-PoCs/ Schwarze


Pamela: „Also, wo ich mich ausgeschlossen fühle, das ist in queeren Räumen, wenn die anfangen, Plakate aufzuhängen, von wegen diskriminierungsfreie Zone und ich irgendwie weiß, dieses Plakat ist von Weißen entworfen worden.  ….  und ich hab nullkommanull Mitspracherecht und  bin  außen  vor  und  hab  das  Gefühl  ...  meinen  die  mich? Wen meinen  die  jetzt  eigentlich?  Und  das macht mich total wütend und hilflos und sauer.“ 


Alexis: „Das zeigt sich, finde ich, genau in solchen Sachen, dass sie dann irgendwelche Veranstaltungen organisieren und kurz bevor die Veranstaltung laufen soll, merken sie, ups, es geht um das Thema Rassismus, vielleicht sollten wir den einen oder anderen PoC oder die ein oder andere Schwarze zu einladen. Und dann wird gerödelt und ... (Gelächter) ... dann findet man keinen, weil es gibt sie ja nicht. Also das ist so typisch, finde ich, was ganz viel passiert. Oder sie überlegen sich ganz genau, wie etwas sein soll, und dann wird man dazu geholt. Und dann sag ich nur: Stinkefinger.“



Kulturalisierung


Carlyn:  Carlyn wird in der Schule von den Mitschüler_innen geoutet und heftig gemobbt. Folge davon ist, dass sie sich weniger auf die Schule konzentrieren konnte. Sie outet sich erst mit 20 und bekommt große Unterstützung von ihrem Vater.


 „ [ich] bin immer weniger zur Schule gekommen (.) es ist natürlich irgendwann dann auch aufgefallen (.) den Lehrern (.) die das dann äh (.) wenn- also die überhaupt nicht nachgefragt haben woran das vielleicht liegt sondern das dann irgendwie auf meinen Background geschoben haben (.) [...] in Gesprächen ging es dann immer eher darum (.) hast du ein Problem mit zu Hause (.) wie läuft das denn da so und [...] erzähl uns doch mal was von deinem Vater (.)
Jahrgang 1985, Doktorandin, weiße deutsche Mutter, türkeistämmiger Vater


>>> Heterosexismus  wird begegnet mit  Rassismus

Quelle: http://www.lesmigras.de